Business as Usual
Januar 9, 2020
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So weiter machen wie bisher?

Ein alter chinesischer Segen lautet: „Mögest du in interessanten Zeiten leben.“ Das scheint jedoch schon wie etwas aus dem letzten Jahrhundert. Denn wir bewegen uns jetzt in eine Zeit, die man kaum fassen kann. Ich stelle mir vor, wie die Menschen in der Zukunft über das Ausmaß unserer Torheit staunen werden. Was in Australien passiert, ist ein perfekter Spiegel unserer Zeit. Das Land verbrennt. Ein ganzer Kontinent verbrennt. Abertausende Hektar Land verbrennen, Australiens vielfältige Tierwelt wird dezimiert und Menschen verlieren ihr Zuhause und ihr Leben in einem Inferno, dessen Ausmaß an Zerstörung biblisch ist. Und die allgemeine Reaktion der australischen Regierung und Führung lautet: „Kein Problem, Kumpel, wir machen ganz normal weiter!“

Ich habe lange in Australien gelebt und liebe das Land, die vielfältige Flora und Fauna. Dabei habe ich auch beobachtet, wie die Umwelt von Generationen von Weißen als selbstverständlich angesehen wurde. Das Land des endlosen Sonnenscheins besitzt beinahe keine alternative Energieerzeugung, sondern verlässt sich immer noch vorwiegend auf Kohlekraftwerke. Seine großen Flüsse sind vollkommen verschmutzt. Die Krise hat sich seit langem angebahnt! Und dennoch widersetzen sich die Australier jeglicher Veränderung!

Zeit für Vorsätze fürs neue Jahr: Das läuft natürlich eigentlich unter der Kategorie „zu wenig, zu spät“, aber die Welt liebt es, wenn sich jemand bemüht. Was würde es für mich selbst bedeuten, nicht mehr länger so weiter zu machen, wie bisher? Susie und ich haben darüber gesprochen, was wir für 2020 aufgeben wollen: Für mich war es Selbstmitleid, was an sich höchstwahrscheinlich ein Akt des Selbstmitleids ist, jedoch eins meiner chronischen Probleme und eine massive Ursache meiner Unabhängigkeit darstellt. Susie hat sich auf eine etwas höhere Ebene begeben und sich dazu verpflichtet, nach bestem Vermögen das Urteilen aufzugeben. Ich bezweifle, dass meine Entscheidung, das Selbstmitleid aufzugeben, in die Geschichte unserer Umweltkatastrophe als Wendepunkt eingehen wird. Vielleicht ist es einfach so, dass die Krise nicht durch eine einzelne Person abgewendet, sondern nur dadurch gelöst werden kann, dass wir alle zusammenkommen und uns verbinden, um einen besseren Weg zu finden.

Das größte Hindernis, das uns beim Erreichen dieser Verbindung im Weg steht, ist vielleicht unsere mangelnde Bereitschaft, unsere Urteile über andere, uns selbst, sogar unsere Regierungen und politischen und religiösen Ideale aufzugeben. Jeder Tag stellt immer eine neue Gelegenheit dar, eine riesige Zahl an Urteilen aufzugeben. Trotzdem sind sie zu einer so instinktiven Reaktion für so viele von uns geworden. Wir haben Dutzende unbewusster Urteile, bevor wir auch nur einen bewussten Gedanken wahrnehmen.

Wir müssen uns daran erinnern, dass Urteilen bedeutet, die Schuldgefühle in unserem Bewusstsein loszuwerden, indem wir sie auf andere projizieren. Dieser Mechanismus hat die Welt erschaffen, denn es sind unsere externalisierten Schuldgefühle und unsere Urteile, welche die Stabilität dieser Realität verstärken. Urteile aufzugeben bedeutet daher, sich auf eine Reise der Selbstvergebung, des Lernens der Lektionen und des Aufgebens von Angriff und Selbstangriff zu begeben. Das wird beginnen, die Welt zu verändern. Wir alle müssen das tun. Für manche von uns wird die innere Arbeit genug sein, und darüber hinaus sind einige von uns aufgerufen, andere Maßnahmen zu ergreifen, um eine bessere Welt zu erschaffen. Aber was auch immer es ist, es muss jetzt passieren – wir können nicht so weiter machen wie bisher!

Wir haben uns der Veränderung verpflichtet, und wer hätte gedacht, dass sich Veränderung als so schwierig erweisen würde? Wir haben so hart daran gearbeitet, unsere physische Welt bequem zu gestalten: alles ist so einfach und verfügbar – Lebensmittel, Transport, Unterhaltung, Wohnungen. Zumindest für diejenigen von uns, die Macht und Geld haben. Aber das hat seinen Preis, den wir bald bezahlen werden müssen. Gestern habe ich eine Werbung im Fernsehen gesehen, bei der es um Kinder in Afrika ging, die an durch schmutziges Wasser übertragenen Krankheiten sterben. Am Ende der Werbung wurden die Zuschauer um 2 Euro gebeten, und das schien so ein klares Symptom des Problems zu sein. Wir haben die gleiche Botschaft schon in den sechziger und siebziger Jahren gehört, aber es hat sich wenig geändert. Die Tatsache, dass wir sie immer noch hören, ist ein trauriger Spiegel unserer selbst und zeugt von unserer mangelnden Bereitschaft, Veränderungen einzuführen, die einen wirklichen Unterschied machen.

Vielleicht ist dies einfach ein weiterer Aufruf zum Kampf für die Welt, in der wir leben. Für mich bedeutet es, dass ich jeden Morgen aufwache und so lange ich kann, nach Wegen suche, nicht einfach normal so weiter zu machen wie bisher. Wenn sich nichts zeigt, dann ist es Zeit zu vergeben, Urteile aufzugeben und zu lernen, mein Bewusstsein auszudehnen: in Liebe, in Güte, in Mitgefühl, damit ich vielleicht aus einer feurigen Hölle gerettet werden kann.

Liebe Grüße